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Glutenfreie Woche – Tag 4 – Interview mit Laura von ichbinintolerant.de

Als ich das erste Mal merkte, dass mein Bauch Laktose irgendwie doof findet, habe ich ein wenig im Internet über Lebensmittelintoleranzen recherchiert und bin zwangsläufig über einen Blog gestolpert. Er trägt den Namen „Ich bin intolerant“ und dreht sich rund um laktose- und glutenfreie Ernährung.

ibi_headerDie Autorin, Laura, ist eine echte Expertin auf diesen Gebieten, denn sie ist selbst betroffen. Da sie für mich ein echter Twitter-Best-Buddy ist, war sie meine erste Anlaufstelle, als ich überlegte, diese glutenfreie Woche zu starten.
Laura hat sich mutig meinen wichtigesten 7 (+1) Fragen gestellt und erzählt uns heute im Rahmen eines Interviews ein bisschen mehr über ihr Leben mit einer echten Gluten-Allergie.

Foto: Laura von ichbinintolerant.de

Foto: Laura von ich-bin-intolerant.de

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1. Liebe Laura, schön, dass du heute meine Fragen beantwortest! Wie lange weißt du schon, dass du gegen Gluten allergisch bist und wie wurde es festgestellt?

Dass ich gegen Gluten allergisch bin, weiß ich seit Dezember 2013.
Ich bin aber auf dem Gebiet „glutenfrei“ kein Frischling mehr, da bereits 2010 eine Weizenallergie diagnostiziert wurde.
Festgestellt wurde das beide Male im Rahmen eines ImuPro 300 Allergietests, ein Test, der speziell auf Nahrungsmittelallergien ausgelegt ist. Über diesen Allergietest gibt es unterschiedliche Meinungen, einige schwören darauf, während andere sagen, ihnen hat das nicht weitergeholfen, weil es zu ungenau ist.
Ich kann nur von meiner eigenen Erfahrung sprechen und ich war beide Male mit der Genauigkeit des Tests zufrieden.

2. Du hast also keine Glutenunverträglichkeit, sondern bist wirklich allergisch gegen Gluten? Kannst du mir erklären, was da der Unterschied ist und wie der Arzt das feststellt?

Bei einer Allergie handelt es sich um eine Überreaktion des Immunsystems.
Bestimmt hat jeder jemanden in der Familie oder im Bekanntenkreis, der beispielsweise an Heuschnupfen oder einer Katzenallergie leidet. Kommt man als Betroffener mit dem Allergen (also den Pollen oder der Katze) in Berührung, reagiert das Immunsystem wie die Feuerwehr und löst Alarm aus. Es werden Antikörper gebildet, um dem vermeintlich schädlichen Stoff (in dem Fall dem Allergen) den Garaus zu machen. Dass die Pollen oder die Katze völlig harmlos sind, verkennt das Immunsystem leider – daher spricht man von einer Überreaktion.
Die Symptome können sehr unterschiedlich sein, da jedes Immunsystem individuell reagiert. Die Einen bekommen Ausschlag und tränende Augen, die Anderen hören nicht mehr auf zu niesen oder bekommen kaum noch Luft.

Reagiert man allergisch auf Lebensmittel, werden das/die Allergen/e über die Nahrung aufgenommen, weshalb die Reaktion anders ausfallen kann, als z.B. bei einer Pollenallergie. Wenn wir Nahrungsmittel verdauen, gelangen einige Bestandteile davon in unseren Blutkreislauf. Erkennt unser Immunsystem nun fälschlicherweise etwas davon als „Feind“ (Antigen) an, reagiert es mit der Bildung von Antikörpern – und die allergische Reaktion beginnt.
Auch hier kann es zu Ausschlägen, Atemnot, etc. kommen, aber auch Symptome wie Durchfall, Blähungen und Bauchschmerzen sind nicht selten. Unbehandelt kann das zu chronischen Beschwerden führen, was echt nicht empfehlenswert ist.

Bei einer Allergie ist es also ein bestimmter Bestandteil (Allergen), der uns Probleme bereitet, weil das Immunsystem darauf feindselig reagiert. Das kann bei einer Allergie gegen Milch das Milcheiweiß sein – deswegen hat man noch lange keine Laktoseintoleranz. Auf Gluten kann man ebenfalls allergisch reagieren, ohne Zöliakie zu haben.

Wichtig ist, dass das von einem Arzt abgeklärt wird!

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten und Tests, Nahrungsmittelallergien nachzuweisen. Wenn man sich testen lassen will, sollte man einen Allergologen aufsuchen, der im Idealfall sogar auf Nahrungsmittelallergien spezialisiert ist. Im Zweifelsfall kann man auch zu seinem Hausarzt gehen und sich eine Empfehlung geben lassen.

Bei einer Unverträglichkeit laufen im Körper andere Prozesse ab, als bei einer Allergie, auch wenn die Symptome ähnlich aussehen können. Hat man eine Laktoseintoleranz, verdaut man die Laktose (Milchzucker) nicht richtig, hat man Zöliakie, kann der Darm das Gluten nicht ordnungsgemäß verdauen.

Die Symptome sehen ziemlich ähnlich aus, wie bei einer allergischen Reaktion: Durchfall, Übelkeit, Blähungen, Bauchweh, Verstopfung.
Allerdings liegt es bei einer Unverträglichkeit nicht an einer Überreaktion des Immunsystems, sondern an den unzulänglichen Verdauungsabläufen. Während bei einer Laktoseintoleranz der Körper zu wenig (oder nichts) vom Enzym „Laktase“ produziert, sind bei einer Glutenunverträglichkeit die Darmzotten für die Probleme verantwortlich. Die Darmzotten befinden sich im Dünndarm beheimatet. Sind sie beschädigt oder gar zerstört, führt das zu einem Verlust von Verdauungsenzymen, die dabei helfen, das Gluten zu verdauen. Die Folge ist, dass der Dünndarm chronisch in seiner Arbeit gestört wird und im schlimmsten Fall andere Nährstoffe (wie Mineralien, Vitamine, etc.) nicht mehr aufnehmen kann.

Auch hier ist enorm wichtig, dass ein Arzt verifiziert, ob eine Zöliakie vorliegt. Für eine Diagnose sind Bluttests erforderlich, sowie eine Darmbiopsie, um abzuklären, ob und wie weit die Darmzotten geschädigt sind. Ein Gastroenterologe ist für die Biopsie der richtige Ansprechpartner.

{Weitere Informationen findet ihr übrigens hier}

3. Wie war die Phase der Umstellung? Worauf musstest du besonders achten? Was hat dir Schwierigkeiten bereitet und was war ganz leicht?

Meine erste Umstellung war 2010 von ganz „normaler“ Ernährung auf: laktosefrei, weizenfrei und eifrei.
Am Anfang war es richtig kniffelig, weil man beim Einkaufen nun auf einmal immer die Etiketten genau lesen musste. Vor den Allergien/Unverträglichkeiten habe ich mir zugegebenermaßen nur begrenzt Gedanken darüber gemacht, was alles in den Lebensmitteln enthalten ist, die ich jeden Tag esse.

Man macht sich gar keine Vorstellung davon, wo überall Weizen enthalten sein kann – sogar in Wurst oder Chips. Auf diese versteckten „Zugaben“ musste ich besonders achten, denn da vertut man sich ganz schnell mal.
Mich hat zu Beginn besonders genervt, dass ich für den Wocheneinkauf auf einmal doppelt so lange gebraucht habe, wie vor der Umstellung. Es dauert eine ganze Weile, bis man seine Sicherheit zurückgewonnen hat.

Bei meiner zweiten Umstellung, Ende 2013, fiel mir dann doch vieles bedeutend leichter.

Ab sofort gilt nämlich für mich: glutenfrei und milchfrei. Die Allergie gegen Ei hat sich im Laufe der Jahre verflüchtigt.
Von weizenfrei auf glutenfrei zu wechseln ist kein allzu großer Unterschied, ausgenommen beim Brot. Da ist Dinkel nun auch nicht mehr erlaubt, aber im Vergleich zur ersten Umstellung ist das wirklich „nur noch“ Feinjustierung.

Die Milchprodukte nun von laktosefrei auf „weglassen“ umzustellen – nun ja. Ich gebe zu, dass ich zuerst dachte, es sei ein Problem, auf Schokolade zu verzichten, aber ich muss feststellen, dass es viel schwieriger ist, auf Käse zu verzichten.

4. Wie hat dein Umfeld reagiert? Gab es da auch Reibungspunkte und/oder Missverständnisse?

Mit meinem Umfeld habe ich wirklich sehr viel Glück und falls das jemand von euch liest: ich danke euch 🙂
In meinem direkten Umfeld haben kurzerhand alle entschlossen „mitzumachen“. Meine Eltern und mein Liebster essen in der Regel das gleiche wie ich. Klar, manchmal essen „die anderen“ auch Kuchen, Süßigkeiten oder so, aber das ist ja völlig okay. Aber gerade am Anfang hat es den Einstieg für mich erleichtert, weil alle mitgezogen haben. Das war wirklich klasse. Mal abgesehen davon: Meine Mama hat seit der Ernährungsumstellung deutlich bessere Blutwerte! Vermutlich hängt das einfach damit zusammen, dass man bewusster isst, wenn man sich auf einmal damit auseinandersetzen muss.

In meinem Freundeskreis ist auch alles sehr entspannt. Jeder weiß über meine Allergien/Unverträglichkeiten Bescheid und alle sind wirklich supersüß zu mir. Da werden dann für den DVD Abend extra Chips gekauft, die ich auch essen kann, wenn wir bei Freunden kochen oder essen gehen, wird immer zuerst gefragt, was wie wo und überhaupt. Dafür bin ich so unendlich dankbar, dass ich es kaum in Worte fassen kann 🙂 Ich höre leider oft Geschichten, wo das Umfeld überhaupt nicht tolerant/flexibel reagiert und da wird mir immer wieder bewusst, was für ein Schwein ich habe.

5. Wie sieht dein Alltag seit der Diagnose aus? Fühlst du dich eingeschränkt?

Mein Alltag sieht im Normalfall genauso aus, wie vorher auch. Ich gehe ganz normal weiterhin meinem Beruf nach und Essen spielt in meinem Leben sogar eine neue, bewusstere Rolle seitdem ich mich anders ernähren muss.
Ich genieße bewusster und beschäftige mich intensiver damit, was ich esse.

Eingeschränkt fühle ich mich selten, aber manchmal ist es schon nervig, dass man nicht einfach mal eben beim Pizza Lieferdienst anrufen und etwas bestellen kann. Das Gleiche in grün ist es mit Restaurantbesuchen – die Gerichte auf den Karten lesen sich immer so unglaublich lecker, aber man muss sich an bestimmte Spielregeln halten.
Das sind die kleinen Momente, wo ich mir manchmal denke „Was ein Mist, dass Du die blöden Unverträglichkeiten hast!“, aber im Großen und Ganzen belastet das meinen Alltag überhaupt nicht.

6. Und wie sieht es aus, wenn du essen gehst?

Huch, da hätte ich bei Frage 5 schon fast vorgegriffen!
Ich gestehe, dass Restaurantbesuche seit den Allergien/Unverträglichkeiten eher die Ausnahme geworden sind.
Wenn mehrere Allergien zusammenkommen, wird es oft problematisch, dem Servicepersonal begreiflich zu machen, worauf zu achten ist. Mittlerweile können zwar viele mit Begriffen wie „Laktose“ und „Gluten“ etwas anfangen, aber richtig im Thema sind sie eher selten. Das ist jetzt nicht als Vorwurf gemeint, denn ich kann mich selbst sehr gut an die Zeit erinnern, in der ich nicht auf die Inhaltsstoffe meines Essens achten musste. Da habe ich auch keine Ahnung von so etwas gehabt. Als Betroffener ist das nun ein ganz anderer Blickwinkel und ich erwarte gar nicht mehr, dass man in einem Restaurant mit solchen Anfragen gut umgehen kann. Das fängt damit an, dass einem oftmals Pasta oder paniertes Fleisch angeboten wird und hört damit auf, dass keiner daran denkt, dass beispielsweise viele Soßen mit Mehl abgebunden werden.

Wenn ich dann tatsächlich im Restaurant bin, bevorzuge ich Gerichte, bei denen ich selbst den Großteil des Risikos ausschließen kann. Gegrillter Fisch, gegrilltes Fleisch, Rosmarin Kartoffeln – solche Gerichte sind lecker und gehen im Normalfall auch klar. Faustregel ist für mich: Soßen meiden. Und selbstverständlich alles, was paniert oder Fertigware ist. Rösti, Kroketten oder Pommes esse ich im Restaurant niemals, weil mir das Risiko viel zu groß ist, dass die Fertigprodukte Gluten enthalten.

Man sieht – es ist nicht ganz so easy peasy mit einem Restaurantbesuch, aber ich habe auch schon sehr positive Erfahrungen gesammelt. Mein liebster Anlaufpunkt ist der „Sushi Circle“. Dort können die Köche ganz genau sagen, was wo drin ist und bis auf einige frittierte Sachen ist alles glutenfrei. Soja Soße darf man sich auch selbst mitbringen, wenn man die Situation erklärt (die dort angebotene enthält leider auch Weizen).

Und auch sonst trifft man immer mal wieder auf Fachpersonal in Restaurants, die wirklich super Bescheid wissen und leckeres Essen zaubern können.

{Hier gibt es eine tolle Seite, die hilft, Restaurants mit glutenfreiem Angebot zu finden. Aber dazu auch später in der Themenwoche mehr!}

7. Wenn du einen Wunsch frei hättest: Was würde dein Leben mit der Glutenallergie erleichtern?

Mit einem freien Wunsch würde ich mir die Glutenallergie wegwünschen!
Alternativ würde ich mir wünschen, dass die Kennzeichnung noch besser wird. Mittlerweile werden schon viele Produkte mit dem glutenfrei Logo gelabelt, aber noch viel zu wenig. Das würde den Einkauf enorm erleichtern, weil man nicht immer die Zutatenlisten studieren müsste.

8. Last but not least: Du hast dich sogar entschieden, einen Blog und ein Buch über deine Lebensmittelallergien und deine Intoleranz zu schreiben. Was hat dich dazu bewegt? Erzähl doch mal ein bisschen!

Was mich zum Bloggen bewegt hat, ist eigentlich ganz einfach: Ich wollte unbedingt meine Erfahrungen teilen.
Als ich die Diagnose(n) bekam, fühlte ich mich von den Ärzten ziemlich allein gelassen. Man hatte nun die Ursachen für meinen „schlechten Zustand“ gefunden, hurra, und damit wurde ich aus den Praxen hinauskomplimentiert. Der einzige Rat war, dass ich doch zu einem Ernährungsberater gehen könne, der mir dann bei der Umstellung auf meine neue Ernährung hilft. Über diese Unterstützung habe ich auch gründlich nachgedacht, aber mich dann dazu entschieden, zuerst selbst aktiv zu werden, mich zu informieren und eine Ernährungsberatung erst dann in Anspruch zu nehmen, wenn ich nicht zum Erfolg komme.
Ich habe zunächst das Internet durchforstet und vor mehr als drei Jahren gab es da noch nicht so viele Anlaufstellen, wie es heute der Fall ist. Man konnte sich durch ein, zwei Foren stöbern und hat vielleicht ein, zwei Blogs gefunden, das war’s.
Also habe ich mir gedacht „Dann blogge ich eben selbst.“. Und so nahm das ganze Projekt „ich bin intolerant“ seinen Lauf und ergänzend zum Blog habe ich meinen Erfahrungsbericht sogar in Buchform aufgeschrieben und veröffentlicht.

Ich war echt erstaunt, wie viele Menschen sich auf einmal bei mir meldeten und mir sagten „Bei mir war es genauso und ich dachte immer, ich wäre der/die Einzige, wo es so gelaufen ist!“. Es ist wirklich der Wahnsinn, wie viele Betroffene es tatsächlich gibt und es ist eine tolle Erfahrung, dass ich darüber schreiben kann, wie es mir geht, was ich erlebe und esse/koche/backe und damit anderen helfen kann. Es macht mir riesengroßen Spaß und ich freue mich jedes Mal, wenn mir jemand schreibt „Hey, ich habe Dein Rezept nachgebacken und es war superlecker.“.

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Liebe Laura, ich danke dir, dass du alle meine Fragen so ausführlich beantwortet hast! Aus erster Hand Informationen und Eindrücke zu bekommen, ist unglaublich hilfreich!

Lauras Blog findet ihr unter www.ich-bin-intolerant.de.

Alles Liebe,
Mia

Diese Themenwoche wird unterstützt durch Dr. Schär, den führenden Experten für glutenfreie Ernährung. Meine Meinung und meine Berichterstattung sind und bleiben jedoch – wie immer – frei.

 

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2 Kommentare

  • Antworten
    glutenfrei-typ
    24. Juni 2014 at 02:10

    Hey Mirja, super Idee mit dem Interview. Ist echt intressant wie andere in ähnlicher Situation sich durchschlagen.
    Abgesehen davon, bin ich absolut begeister von den Fotos deiner Speisen. Ich werde bestimmt noch ab und an vorbeischauen und mich von den Rezepten + Bildern inspirieren lassen. VG!

  • Antworten
    Drreiter
    13. August 2016 at 09:24

    ich berichte sicher noch einmal mehr von HPU, wenn ich selbst mehr darüber weiß. Vielleicht auch noch in einem Video auf meinen YouTube-Channel. Ich denke, dass das für viele interessant sein könnte.

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